Geschichte Pfarrkirche St. Martin in Mühlingen

 

Die Pfarrkirche in Mühlingen bei Stockach wurde ab 1747 vollständig neu errichtet.

Die Altarausstattung, von der nur die beiden Seitenaltäre vollständig erhalten blieben, kann Joseph Anton Feuchtmayer und seiner Werkstatt zugeschrieben werden.

Vom Hochaltar, der sehr wahrscheinlich dem in Altheim ausgeführten Typ ähnlich war,
ist heute nur noch der Altartisch mit dem Tabernakelaufbau vorhanden.

Treibende Kraft dürfte hier, wie bei den Altären in Schwandorf und Liptingen, der in
Mühlingen ansässige Baron von Buol gewesen sein, den Feuchtmayer in einem Schreiben
aus dem Jahre 1756 als seinen großen Gönner bezeichnet hat.

 

Für die weitere Entwicklung Feuchtmayers sind die Seitenaltäre von besonderer Bedeutung. Waren bereits bei den Altheimer Altären Ansätze zu einer asymmetrischen, auf die gemeinsame Betrachtung beider Gegenstücke angelegten Gestaltung vorhanden, so finden wir sie hier voll ausgeprägt. Das Motiv der isolierten Säule, erstmals am Bernhardusportal im Salemer Münster realisiert, tritt hier als raumgestaltendes Element in Erscheinung. Die Altäre bilden gleichsam nur den Auftakt zu dem in der Mitte des Chores befindlichen Hochaltar.

Die Säule mit der auf der Innenseite befindlichen Statue eines Heiligen, des hl. Florian auf
der Nord- und des hl. Georg auf der Südseite, ist gleichsam der Kontrapunkt in der Gesamt-

konzeption dieses Altarprospektes.

Leider können wir uns heute nur schwer eine Vorstellung von der ursprünglichen Wirkung dieses Ensembles machen. Am ehesten kommt ihm eine heute in Konstanz befindliche Zeichnung nahe, die eine derartige Kombination von Hochaltar und Seitenaltären zeigt. Auffallend sind die mächtig dimensionierten Aufsätze über den Altären und die schwere Ornamentik, die in gewisser Weise an die Mühlinger Arbeiten erinnert.

 

Interssant ist der handschriftliche Zusatz Feuchtmayers an den Adressaten der Zeichnung,
„N.B. ain Crutzifix hinder dem altar blat, und dieses Sol abwerts Kennen gelassen werden,
wie zu Schlettstatt er hat machen lassen in boden“.

 

Interessanterweise gibt es nun ein zweites Zeichnungsblatt von der Hand Feuchtmayers, auf dem in zwei Aufrissvarianten und einem Grundriss ebenfalls ein Altar gezeigt ist, bei dem
das Altarblatt ein plastisches Kruzifix verdeckt.

 

Im Gegensatz zum ersten Altar, wird hier aber das Altarblatt nicht in den Boden abgelassen, sondern hinter die linke Stützgruppe der Altarädikula geschoben. Eine in der Graphischen Sammlung in München befindliche Kopie Franz Anton Dirrs nach Feuchtmayers Präsentationszeichnung der rechten Aufrissvariante dieses Blattes ist 1754 datiert.

 

In der Pfarrkirche von Mühlingen hat sich neben den Altären auch ein etwa lebensgroßer Korpus eines Kurzifixes erhalten, der Feuchtmayer zugeschrieben werden kann und wohl gleichzeitig mit den Altären entstanden ist. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass hier in Mühlingen tatsächlich ein Hochaltar in der Form ausgeführt worden war, die in den genannten Zeichnungen entworfen worden ist.

 

Die erhaltenen plastischen Arbeiten in Mühlingen lassen sich stilistisch gut in die Zeit um 1747 datieren. Die leuchtertragenden Engel des Hochaltars zeigen ganz ähnliche stilistische Merkmale wie der Johannes vom Hochaltar in der Meersburger Schlosskapelle, an dem wir erstmals eine neue Entwicklung in Feuchtmayers plastischem Schaffen feststellen können. Das in Meersburg ansatzweise zu spürende Spiel mit der Schwere von Gewand und Körper, dem Gegensatz von gespannten und locker fallenden Gewandoberflächen, letztendlich der Gegensatz von Anspannung und Entspannung ist bei den Figuren von Mühlingen voll ausgebildet. Vor allem an dem Kruzifix wird dieser Wandel im plastischen Gestalten spürbar, wenn man ihn mit jenem in Meersburg vergleicht.

 

Im September 1994 musste die Kirche wegen Einsturzgefahr der Putzdecke geschlossen werden. Der bröckelnde Putz und die Risse im Stuck waren Symptome für tiefgehende statisch-konstruktive Probleme. Fünf Jahre lang konnte in St. Martin kein gottesdienst gefeiert werden. Diese Zeit wurde benötigt für eine gründliche Untersuchung der Schäden und eine umfassende Innenrestaurierung. Mit einem großen Festakt wurde die Wiedereröffnung am 07. November 1999 gefeiert.


alt alt alt alt alt